Blogbeitrag von Ingrid Wild (Tellington Instruktorin für Pferde aus Deutschland)
Dieser Satz ist mir vor einiger Zeit wieder begegnet – In einem Gespräch mit einer erfahrenen Pferdefachfrau bat ich sie um Feedback zu unserem Werbeslogan- „Wissen statt Gewalt“- für die Tellington TTouch & Reiten- Ausbildung. Sie antwortete darauf: „Ich glaube nicht, dass die Mehrheit der Reiter ihren Pferden Gewalt antun möchte. Sie glauben einfach nicht, dass das, was sie tun, gewalttätig ist.“
Das machte mich nachdenklich.
Denn vielleicht liegt genau darin eines der größten Probleme im Umgang mit Pferden:
Wir haben uns an Dinge gewöhnt, die wir früher vielleicht hinterfragt hätten.
Und wenn sich das, was wir als normal empfinden, immer weiter verschiebt, bemerken wir die Veränderung irgendwann nicht mehr.
Die Verschiebung der Baseline
Die Wissenschaft kennt dieses Phänomen als „Shifting Baseline“ – die Verschiebung der Ausgangsnorm. Die Sozialwissenschaftlerin und Autorin Juli von Bismarck beschreibt das Phänomen der „Verschiebung der Baseline“:
Was eine Generation noch als ungewöhnlich, problematisch oder sogar erschreckend wahrgenommen hat, wird für die nächste Generation zur Normalität.
Nicht, weil sich die Sache unbedingt zum Besseren verändert hat.
Sondern weil wir uns daran gewöhnt haben.
Könnte genau das auch im Pferdesport geschehen?
Schauen wir uns um.
Pferde, die bereits im Alter von eineinhalb Jahren systematisch ins Training genommen werden.
Junge Pferde, deren Körper noch lange nicht ausgereift ist, die aber bereits lernen sollen, einen Menschen zu tragen, bestimmte Bewegungsabläufe auszuführen und zuverlässig zu funktionieren.
Gebisse, die auf kleinste Bewegungen enorme Kräfte entwickeln können.
Scharfe Zäumungen, eng verschnallte Nasenriemen, Sporen, Gewichte an den Beinen.
Hilfszügel und andere Trainingshilfen, deren Wirkung viele Menschen nicht wirklich verstehen. Equipment, das nicht passt oder nicht korrekt eingesetzt wird.
Starker Druck auf Zügel und Gebiss.
Pferde, die sich gegen die Einwirkung wehren – und deren Widerstand als Ungehorsam, Widersetzlichkeit oder mangelnde Ausbildung bezeichnet wird.
Und manchmal ein Pferd, das äußerlich „funktioniert“, während sein Körper und sein Ausdruck etwas völlig anderes erzählen.
Ist das inzwischen normal?
Und wenn ja:
Wer hat eigentlich entschieden, dass es normal ist?
Wenn Schmerz zum Trainingsmittel wird
Vielleicht müssen wir unsere Vorstellung davon erweitern, was Gewalt bedeutet.
Gewalt ist nicht erst der offensichtliche Schlag. Nicht erst der Moment, in dem ein Mensch die Kontrolle verliert.
Gewalt kann auch systematisch, kontrolliert und professionell aussehen.
Sie kann in einem Trainingsplan stehen.
Sie kann Teil einer Ausbildung sein.
Sie kann von einem renommierten Trainer vermittelt werden.
Sie kann auf einem Turnier stattfinden.
Sie kann mit den besten Absichten ausgeführt werden.
Und genau deshalb ist sie so schwer zu erkennen.
Wenn ein Pferd auf einen starken Schmerzreiz mit der gewünschten Reaktion antwortet, kann das von außen wie erfolgreiches Training aussehen.
Das Pferd läuft. Es hält an. Es tritt zurück. Es läuft eine Lektion. Es „gehorcht“.
Aber die entscheidende Frage lautet:
Was hat das Pferd dabei gelernt?
Hat es verstanden?
Hat es Vertrauen entwickelt?
Hat es körperlich an Balance und Kraft gewonnen?
Oder hat es lediglich gelernt, einem unangenehmen oder schmerzhaften Reiz zu entkommen?
Und natürlich ist es wichtig, zwischen bewusster Grausamkeit und unbewusstem, problematischen Handeln zu unterscheiden. Die meisten Menschen lieben ihre Pferde. Sie füttern sie. Sie kümmern sich um ihre Hufe. Sie kaufen gutes Futter. Sie sorgen sich, wenn das Pferd krank ist. Sie möchten, dass es ihm gut geht. Und gerade deshalb ist diese Diskussion so wichtig. Denn Liebe allein schützt nicht vor falschem Handeln.
Wir können einem Lebewesen sehr zugetan sein und ihm trotzdem unbeabsichtigt Schmerzen zufügen. Wir können es gut meinen und trotzdem etwas tun, das für das Pferd belastend ist. Wir können glauben, dass wir trainieren, während das Pferd vielleicht nur versucht, einer unangenehmen Situation zu entkommen.
Das macht einen Menschen nicht automatisch zu einem schlechten Menschen.
Aber es macht ihn verantwortlich dafür, mehr wissen zu wollen.
Deshalb sollten wir uns angewöhnen, scheinbar alltägliche Dinge wieder mit den Augen eines Menschen zu betrachten, der sie zum ersten Mal sieht.
Ein Pferd mit einem sehr engen Nasenriemen.
Ein zu junges Pferd mit Reitergewicht.
Ein Pferd, das sich gegen das Gebiss wehrt.
Ein Pferd, das unter einer starken Einwirkung plötzlich „nachgibt“.
Ein Pferd, das funktioniert.
Ein Pferd, das beim Aufsteigen bereits Spannung zeigt.
Ein Pferd, das beim Satteln die Ohren anlegt.
Ein Pferd, das beim Angurten das Kinn festhält.
Ein Pferd, das beim Reiten den Schweif schlägt, das Maul öffnet oder mit dem Kopf schlägt.
Was würden wir sehen, wenn wir nicht sofort sagen würden: „Das ist eben ein schwieriges Pferd“ , sondern: „Was versucht mir dieses Pferd gerade mitzuteilen?“
Fortsetzung folgt
Ingrid’s nächste Veranstaltungen:
26./27.September 2026
Tellington TTouch® und Reiten in 86853 Langerringen
Information und Anmeldung bei Christiane Hausladen, Email: christiane.hausladen@freenet.de

09.-11.Oktober 2026
Intensivseminar: Trainingstage Tellington TTouch® für Pferde
mit 3 Tellington TTouch Instruktoren Lily Merklin, Ingrid Wild und Daniel Schnell
Freue dich auf Praxisnahes Lernen mit Pferd
, Tellington TTouch® in Theorie & Anwendung
, Arbeit im Lernparcours, Reiten mit mehr Freude & Bewusstsein
Mit viel Erfahrung, Einfühlungsvermögen und Leidenschaft gehen die InstruktorInnen individuell auf dich und dein Pferd ein
Spüre die besondere Energie dieser Methode und nimm wertvolle Impulse für deinen Alltag mit.
Veranstaltungsort, Information und Anmeldung:
Daniel Schnell, Pferdehof Luppmanns , Luppmanns 2 – 88279 Amtzell mail: info@luppmanns.de – www.luppmanns.de
17./18. Oktober 2025
Tellington TTouch® und Reiten in 67808 Schönborn
Anmeldung bei Isabelle Tschöpke, Email: isabelle.tschoepke@gmx.de
Practitioner Ausbildung Pferde:
2. Modul: 30.März – 4.April 2027
https://www.wildundschnell.com/anmelden/
auch mit eigenem Pferd
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